Kreiseinsatzleitung und Krisenstab üben die Großschadenslage
Kreis Herford. Ob Hochwasser, Hitzewellen oder Terroranschläge: Die Welt ist unruhiger geworden. Im Ernstfall müssen die Einsatzkräfte und zuständigen Behörden genau wissen, was bei einer Großschadenslage zu tun ist. Genau das haben die Kreiseinsatzleitung der Feuerwehr und der Krisenstab der Kreisverwaltung jetzt zwei Tage lang intensiv trainiert (5.11./6.11.2026). Im Fokus der Großübung stand das abgestimmte Krisenmanagement bei einer flächendeckenden Überschwemmung. Das Ganze fand allerdings rein fiktiv statt: Für die Simulation wurde im Kreisgebiet tatsächlich kein einziger Sandsack bewegt und keine Hochwasserpumpe in Stellung gebracht.
„Feuerwehrstab“, also die Kreiseinsatzleitung (KEL), und Krisenstab sind gleichwertig, aber für unterschiedliche Aufgaben zuständig. „Während die Kreiseinsatzleitung für die operativ-taktische Abarbeitung zuständig ist, kümmert sich der Krisenstab um die administrativ-organisatorischen Aufgaben“, sagt Kreisbrandmeister Bernd Kröger. Darunter fällt beispielsweise die Warnung der Bevölkerung, das Bereitstellen von Notunterkünften oder die rechtliche und finanzielle Absicherung des Gesamteinsatzes.
Die Mitglieder der Kreiseinsatzleitung stehen unter Anspannung:
Das Hochwasser von Werre, Else und Weser hat für „massive Überschwemmungen gesorgt“.
Die Übung findet im Stabsraum der Kreisleitstelle in Hiddenhausen-Eilshausen statt.
Zeitgleich ist der Krisenstab im Kreishaus zusammengetreten.
Deiche an der Belastungsgrenze
Als die Mitglieder der KEL und die Fachberater am frühen Donnerstagmorgen im Stabsraum der Leitstelle in Hiddenhausen zusammenkommen, ist draußen gerade die Sonne aufgegangen. Der ruhige Herbsttag passt so gar nicht zu der fiktiven, düsteren Lage, mit der die Einsatzkräfte nun konfrontiert werden – glücklicherweise, möchte man meinen. Die Unwettersituation in ganz Nordrhein-Westfalen habe sich dramatisch zugespitzt, sagt Lagedienstführer Bernd Kirchhoff. Der Kreis Herford sei davon ebenfalls „massiv“ betroffen. „Die Deiche von Werre, Else und Weser befinden sich an ihrer absoluten Belastungsgrenze.“ Einheiten aus dem ganzen Kreis Herford, so wird weiter angenommen, befinden sich bereits seit mehreren Stunden im Einsatz. Besonders betroffen sind die Städte Löhne, Herford und Vlotho. Aufgrund der Lageverschärfung löst Landrat Mirco Schmidt um 7.53 Uhr „die Großschadenslage aus“. Matthias Kuhle (Kirchlengern) übernimmt die Gesamteinsatzleitung der Feuerwehrkräfte. Ihm zur Seite stehen die Mitglieder der Kreiseinsatzleitung, die für die Sachgebiete Personal (S 1), Lage (S 2), Einsatz (S 3), Versorgung (S 4), Presse- und Medienarbeit (S 5) und Information und Kommunikation (S 6) zuständig sind.
Einsatzleiter Matthias Kuhle (l) und Simon Bertram (Verbinder Krisenstab) versuchen sich anhand von Hochwasserkarten ein Bild der Lage zu verschaffen.
Hunderte Feuerwehrleute sind im Einsatz, um die Deiche zu stabilisieren.
(Symbolfoto: FW Löhne)
Bezirksbereitschaften zur Unterstützung angefordert
Ein erster Überblick ergibt, dass die Lage in Löhne besonders bedrohlich ist. Sollte die Deichanlage an den Segmentwehren brechen, wären rund 6.000 Bewohner betroffen. Alle verfügbaren Kräfte werden deshalb zur Deichsicherung eingesetzt. Auf dem Festplatz Löhne wird die Sandsackfüllmaschine Kreis Herford in Betrieb genommen, die später aus Sicherheitsgründen in die Nähe der Feuerwache verlegt wird. Auch aus dem Stadtteil Herford-Elverdissen werden Überschwemmungen gemeldet. Die Feuerwehr Herford ist hier bereits seit 2 Uhr morgens mit allen verfügbaren Kräften im Einsatz. In Vlotho sind die Bereiche rund um das Rathaus sowie das Unternehmen Reku, das im Industriegebiet Uffeln direkt an der Weser liegt, vom Hochwasser betroffen. Allein hier fordert die Örtliche Einsatzleitung (ÖEL) 10.000 zusätzliche Sandsäcke an, die der „Feuerwehrstab“ in Hiddenhausen-Eilshausen organisieren muss. Die Helfer/innen vor Ort, so das angenommene Szenario, arbeiten mittlerweile in fünf Einsatzabschnitten: Löhne (EA 1), Vlotho (EA 2), Herford (EA 3), „Rest Kreis Herford“ (EA 4) und Sandsackabfüllung Bünde (EA 5).
Um die heimischen Kräfte zu verstärken bzw. abzulösen, hat die Kreiseinsatzleitung über die Bezirksregierung drei Bezirksbereitschaften angefordert. Da die Einheiten aus OWL aufgrund der landesweiten Unwetterlage gebunden sind, kommt die Unterstützung aus dem Rheinland. „Die Bereitschaften Köln 1 und 3 sowie Düsseldorf 2 wurden alarmiert“, sagt Einsatzleiter Kuhle. Zudem sind die DLRG-Wasserrettungszüge Westfalen 5 (Arnsberg), Westfalen 7 (Detmold) und Westfalen 9 (Münster) auf dem Weg in den Kreis Herford. Sie werden im Bereitstellungsraum an der Feuerwache Bünde erwartet – allerdings ebenfalls nur „auf dem Papier“.
Auf der digitalen Lagekarte wird die Situation vor Ort abgebildet.
Welche Einheiten alarmiert sind und welche sich bereits auf der Anfahrt befinden, ist auf der „Fahrzeugstandanzeige“ zu sehen.
In Löhne-Obernbeck werden am späten Vormittag gravierende Risse im Deichkörper festgestellt. Der Krisenstab im Kreishaus prüft die Evakuierung von etwa 370 Personen im unmittelbaren Gefahrenbereich. Daraufhin beginnt die Kreiseinsatzleitung mit der operativ-taktischen Vorbereitung der Maßnahme, die dann aber doch nicht erforderlich ist. Schaulustige, so das weitere Szenario, blockieren mit ihren Fahrzeugen die Zufahrtswege, sodass der „Feuerwehrstab“ auch mit der Polizei in Kontakt steht. Die Gesamtzahl der Einsatzkräfte, die sich zu diesem Zeitpunkt kreisweit im Einsatz befindet, summiert sich auf rund 1.500. Parallel ist es aufgrund einer „schweren technischen Störung“ zu einem Stromausfall gekommen, der laut Energieversorger 48 Stunden anhalten wird. Betroffen sind die Bereiche Herford-Schwarzenmoor, Vlotho-Exter und das benachbarte Bad Salzuflen.
Übungsleitung sorgt für dynamische Lage
Die Übungsleitung, bestehend aus Mitarbeitenden der Kreisleitstelle, Wehrführern und weiteren erfahrenen Feuerwehrleuten, steuert das gesamte Szenario. Sie simuliert die dynamische Lage, indem sie kontinuierlich fiktive Meldungen und Nachrichten aus den Einsatzabschnitten, der Leitstelle, aber auch der Bezirksregierung einspielt – teilweise priorisiert mit „Blitz-Vermerk“. An der Wand des Stabsraums ist die digitale Lagekarte zu sehen, die per Beamer in Übergröße auf eine Leinwand projiziert und vom Sachgebiet 2 (Lage) laufend aktualisiert wird. Sie könnte bei einem Realeinsatz auch von den Örtlichen Einsatzleitungen (ÖEL) mit Informationen ergänzt werden. "Alle Führungskräfte verfügen so immer über den gleichen Informationsstand", sagt der Kreisbrandmeister. Wie realistisch und intensiv das Training ist, zeigt das enorme Arbeitsaufkommen. Allein am ersten Tag erreichen den „Feuerwehrstab“ 160 E-Mails. Die Sachgebiete kommunizieren per Telefon und vor allem mit einem elektronischen Nachrichtenvordruck. Die technische Übermittlung und Dokumentation wird durch die Informations- und Kommunikationsgruppe (IuK-Gruppe) der Feuerwehr Bünde sichergestellt.
Fachberater leisten Unterstützungsarbeit
Die Fachberater leisten wertvolle Dienste. So organisieren Larsen Hills und Christian Thielker vom THW mobile Tankanlagen zur Treibstoffversorgung sowie Radlader und Logistik-Lkw für die Befüllung und Verteilung der Sandsäcke. Dr. Steffen Grautoff, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst Kreis Herford, berät die Feuerwehrleute für den Fall, dass Pflegeinrichtungen oder Krankenhäuser evakuiert werden müssten. Frank Mäsker vom DRK unterstützt in Fragen der Einsatzstellenverpflegung und organisiert eine Betreuungsplatz-Bereitschaft 500 (BTP-B 500), die schließlich fiktiv aus dem Kreis Borken anrückt. Niklas Weber (DLRG) kümmert sich währenddessen darum, dass die Absicherung der Deicharbeiten von der Wasserseite aus durch Bootsbesatzungen sichergestellt ist.
Fachberater, wie ÄLRD Dr. Steffen Grautoff (l) und Frank Mäsker vom DRK (r), unterstützen die Kreiseinsatzleitung.
Flutwelle aus Bielefeld erwartet
Um 16.30 Uhr gehen die Mitglieder der Kreiseinsatzleitung und Fachberater in den wohlverdienten Feierabend. Die Übungsleitung simuliert den Nachtverlauf und schreibt die Hochwasserlage dynamisch fort. Am Folgetag (6.11.2026) nehmen die Einsatzkräfte wieder ihre Plätze ein. Sie müssen sich nun anhand des fortgeschriebenen Lagebildes eigenständig in die neue Situation einarbeiten und die Einsatzleitung quasi nahtlos fortführen.
Den morgendlichen Lagevortrag hält erneut Bernd Kirchhoff. Auch wenn keine weiteren Regenfälle angekündigt sind, bleibe die Hochwasserlage im Kreis Herford angespannt, sagt der Lagedienstführer. „Die aufgeweichten Deiche müssen weiterhin kontinuierlich gesichert und überwacht werden.“ Per Blitznachricht bekommt die Kreiseinsatzleitung eine beunruhigende Meldung von der Leitstelle Bielefeld: „Am Oberseestauwehr ist der Deich gebrochen!“ Eine Wasserwelle bewegt sich nun auf Herford zu. Der Scheitelpunkt wird gegen 11.20 Uhr erwartet. Die Kreiseinsatzleitung reagiert unverzüglich. Ein Wasserrettungszug wird aus dem Bereitstellungsraum Bünde in die Hansestadt verlegt - drei Bezirksreserven über die Bezirksregierung angefordert. Im Bereich der Bielefelder Straße (B61) kommt es zu ersten Überschwemmungen, durch die auch ein Pferdehof und mehrere Wohnhäuser gefährdet sind. Schnell entsteht auf der Bundesstraße ein Verkehrschaos. Der Krisenstab übernimmt die Warnung der Bevölkerung und richtet ein Bürgertelefon ein. Nach intensiver Beratung mit Steffen Veenaas, Fachberater vom Werre-Wasserverband, kann jedoch vorsichtig Entwarnung gegeben werden. Zu erwarten sei, dass Teile des Stadtgebietes allenfalls etwa 30 Zentimeter unter Wasser stehen werden“, meint Veenaas. Und so wird die weitere fiktive Lage dann auch von der Übungsleitung eingespielt.
Die Übungsleitung spielt umfangreiches Material ein, um die Situation authentisch wirken zu lassen.
(Abb. KI generiert: Kreis Herford)
Aus Enger wird ein (fiktiver) Großbrand gemeldet, der noch einmal für Hektik sorgt.
(Foto: KI generiert: Kreis Herford)
Zeitweise zieht der Krisenstab auch eine Unterstützung durch die Bundeswehr in Betracht. Hauptmann Bernd Matuszewski vom Kreisverbindungskommando Herford (KVK Herford) berät den Stab über die zur Verfügung stehenden Ressourcen der Streitkräfte. Am Ende wird es noch einmal hektisch. Während die Abarbeitung der Hochwasserlage läuft, erreicht die Kreiseinsatzleitung eine weitere Blitznachricht. In Enger brennt das Unternehmen Meyer Chemie. Aber auch diese fiktive Situation bekommt der „Feuerwehrstab“ mit Unterstützung von Einheiten aus dem Nachbarkreis Minden-Lübbecke schnell in den Griff.
Die abschließende Aussprache zeigt, dass die zweitägige Übung insgesamt erfolgreich verlaufen ist. An der ein oder anderen Stelle gibt es jedoch noch „organisatorischen oder technischen“ Verbesserungsbedarf. „Vor allem an der Zusammenarbeit mit dem Krisenstab muss in Zukunft weiter gearbeitet werden“, sagt Kreisbrandmeister Bernd Kröger. Am Ende bekommen Dominik Greulich (Kreisleitstelle) und Jan Hendrik Schulte (Amt für Bevölkerungsschutz), die das Übungsszenario federführend vorbereitet haben, großes Lob. Zudem gibt es Applaus für die Küchenmannschaft vom DRK-Ortsverein Bünde für die hervorragende Beköstigung.
Jens Vogelsang
(Text u. Fotos)

Das Sachgebiet 1 (Personal) mit Heiko Janßen und Bernd Gante (im Vordergrund).
(v.l.) Matthias Wulf, Karsten Nordsieck u. Marco Sickmann vom Sachgebiet 2 (Lage).
Sichter Lars Brinkmann
Die IuK-Gruppe aus Bünde kümmert sich um den „Posteingang“ und Nachrichtenversand.
An einer Tafel entsteht das Funkkonzept.
Funk und Rufgruppenschema
Sachgebiet 2 mit (v.l.) Timo Drekshagen (IT) und Jens Meyer (Lagekartenführer)
Dominik Greulich (vorne) hat die Übung federführend mit organisiert.
(v.l.) Sven Büttner u. Sven Detering vom Sachgebiet 3 (Einsatz) sowie Fachberater Christian Thielker (THW)
Die digitale Karte (Informationssystem Gefahrenabwehr) zeigt die Auswirkungen eines Extremhochwassers im Stadtgebiet Herford.
Hauptmann Bernd Matuszewski vom Kreisverbindungskommando Herford informiert
über die Unterstützungsmöglichkeiten der Bundeswehr.

